Kremlinova und die anderen Eisberge
Ich hatte keine Lust auf diesen Film, hatte zu viel plausibel wirkendes Geningel im Feuilleton gelesen, und der Trailer wirkte mächtig überzogen. Letztlich siegte die Neugier. Was tun Tom Cruise, Sandra Hüller und Jesse Plemmons in einem Film von Alejandro González Iñárritu? Bisher war auch immer Verlass darauf, dass Sandra Hüller bei der Drehbuchwahl eine absolut sichere Hand hat, warum sollte es diesmal anders sein?
Um es kurz zu machen (toller Film!), muss ich ein wenig ausholen. Das feuilletonistische Gemecker lautete, Iñárritus Satire bebildere den Wahnwitz der Gegenwart, reiche aber nicht über ihn hinaus. Das haut soweit erstmal hin. Die Geschichte eines Öl-Milliardärs, der sich aufführt, als gehöre ihm der Planet, der mit dem amerikanischen Präsidenten Deals aushandelt und sich einen Scheiß um die Folgen seiner Geschäfte kümmert, klingt maximal realistisch. Tom Cruise spielt diesen Digger mit einer Mischung aus groteskem Größenwahn und absolutistischer Selbstgewissheit, begleitet von einem kongenialen Ensemble. Alles ist übertrieben: die Mimik, die Make-ups, Frisuren, das demonstrativ überzogene Spiel, die merkwürdigen Sets. Warum dieses outrierte Getue? Die Irritation gehört zum Konzept. Ohne den entscheidenden Kniff zu verraten: Irgendwann verschiebt sich der Blick auf das zuvor Gesehene. Plötzlich ergibt die Künstlichkeit Sinn, weil es (auch) ums Showbusiness geht, um Eitelkeiten und Hierarchien. Politik und Unterhaltung erscheinen als nahezu deckungsgleiche Systeme, die entscheidende Frage ist immer nur: Wer bestimmt das Narrativ?
Cruise spielt Digger mit sichtbarer Lust und maximaler Verausgabung, man riecht förmlich seinen Schweiß und sieht neben den Dollarzeichen auch Oscarstatuen in seinen Augen glitzern. Jesse Plemons zeigt in wenigen Auftritten eine ungeheure Präsenz; Sandra Hüller spielt Diggers Halbschwester punktgenau und gibt ihrem Hollywood-Kollegen lässig Contra.
Die ziemlich nah wirkende Zukunft, in der der Film spielt, ist keine ferne Science-Fiction-Welt. Fünfzig Jahre? Vielleicht fünfundzwanzig. Die technischen Veränderungen wirken glaubhaft, die ökologische Verwüstung erschreckend vertraut. Iñárritu muss die Gegenwart nicht übertrumpfen. Er rückt sie nur ein Stück zur Seite, damit wir sie wieder sehen können.
Cosmo Sheldrakes Musik gibt diesem Blick eine zusätzliche Dimension. Die eigentümlichen Klänge stehen quer zu den System- und Menschheitsfragen. Der Himmel am Anfang und am Ende öffnet einen anderen Maßstab. Ja, die Gegenwart wirkt wie die reine Satire, weil ihre grotesken Verhältnisse mit größtem Ernst betrieben werden. Iñárritus Film schafft hier keine neue Erzählung, die noch absurder wäre. Er schafft Abstand zu einer Welt, deren Absurdität im Nachrichtenstrom längst unsichtbar geworden ist und findet in einem überraschenden finalen Twist ein eindrückliches Bild für die Folgen. Die Satire ist nicht erledigt. Wir haben uns nur zu sehr an ihr Material gewöhnt.
Grit Dora