Herausfordern und gut unterhalten
Der Weg von Tolkewitz in die Neustadt kann sich am Ende eines langen Tages ganz schön ziehen. Und lohnt sich trotzdem immer, auch wenn das PK Ost viel näher ist und daher häufiger von mir frequentiert wird. Aber es ist einfach unvergleichlich schön, im Thalia-Schaufenster sitzen, einen ganz speziellen Film zu sehen und vorher kurz mit Stephan an der Kasse zu quatschen. Mit Stephan Raack, der immer noch selbst Karten verkauft, ein handverlesenes Programm unter nicht ganz einfachen Bedingungen macht (um mal das Mindeste zu sagen) und schon mit seiner schieren Präsenz einem der kleinsten Kinos der Stadt ein Alleinstellungsmerkmal in der allzeit gut aufgestellten Dresdner Kinolandschaft verleiht. Der immer auch Risiken eingeht, neulich mit einem Film wie »Resurrection« des chinesischen Regisseurs Bi Gan, international stark beachtet, mit großen Erwartungen angekündigt, aber die filmgewordene Antithese zum Blockbuster.
Bi Gan galoppiert in satten 155 Minuten durch die Filmgeschichte, bedient sich beim expressionistischen Stummfilm, zitiert Film Noir, diverse Autorenfilmer und Bildwelten der 1990er Jahre. Narrative lässt er konsequent links liegen. Er demonstriert sein Können und legt eine unfassbar elegante letzte halbe Stunde hin, gedreht in einer einzigen Plansequenz. Fiebriges, stark (alb)traumhaftes Kino. Die Bilder wollen überwältigen, die Dramaturgie hält nicht mit, das nervt dann schon, macht aber trotzdem Spaß beim Entschlüsseln, wenn man sich dem nicht enden wollenden Strom einmal ergeben hat. Für Menschen, die gezielt für diese Art Filmkunst losgehen, also ein Fest. Zufallspublikum wird Bi Gan wohl kaum finden. Entsprechend scheuten sich größere Kinos, den Film ins Programm zu nehmen. Zum Redaktionsschluss war das Thalia das einzige Dresdner Kino, in dem man »Resurrection« sehen konnte.
Das Thalia-Programm wird ja aber nicht nur von den Ausreißern bestimmt, Stephan beweist, dass Programmkino nicht automatisch sperrig sein muss. So auch mit der Ansetzung von »Verflucht normal«, der Geschichte des John Davidson, der schmerzhaft schwer lernen musste, mit dem Tourette-Syndrom zu leben und heute als Bezugsperson für Betroffene und ihre Angehörigen arbeitet. In Großbritannien ist der Schotte seit der BBC-Dokumentation »John’s Not Mad«, die von seinem Alltag mit der Krankheit handelt, geradezu berühmt, in Deutschland hingegen fast unbekannt. Regisseur Kirk Jones (»Lang lebe New Devine«) ändert die Lage, indem er einen berührenden, exzellent gemachten Film rausgehauen hat, der enorm unterhaltsam aufklärt und inspiriert. Zwei Stunden, die wie im Flug vergehen. Mehr Kontrast zu »Resurrection« geht nicht. Tja und dann ist der Kinoabend leider zu Ende.
Bis bald im „Cinema: Coffee & Cycling“-Schaufenster!
Grit Dora