Tribut: Jyoti Mistry – Kompromisslose Kühnheit
Als Filmemacherin, Installationskünstlerin und Wissenschaftlerin bewegt sich die gebürtige Südafrikanerin Jyoti Mistry an den Schnittstellen von Kunst, Kino und kritischer Bildpraxis. Film begreift sie nicht als bloßes Erzählmedium, sondern als Erkenntnisform: als Ort, an dem Bilder Geschichte speichern, formen – und zugleich verschleiern können.
Ausgehend von einer dezidiert nicht-westlichen Perspektive zielt sie mit großer formaler Kühnheit darauf ab, kanonisiertes Wissen zu hinterfragen und zu transformieren. Ein zentrales Element ihres Schaffens ist der Umgang mit vorhandenem Bildmaterial: Archivaufnahmen, Amateur:innenfilme und Fundstücke aus kolonialen und populärkulturellen Bildwelten werden durch Montage, Text, Animation und Voice-over in präzise filmische Essays verwandelt. Das Archiv wird so zum Ort einer politischen Rückeroberung von Erfahrungen und Perspektiven marginalisierter Gruppen, die sonst unsichtbar blieben.
Formal zeichnet sich Mistrys Kino durch große Offenheit aus: Dokumentarisches, Experimentelles und Essayistisches gehen ineinander über, Rhythmus, Klang und Sprache spielen eine ebenso tragende Rolle wie das Bild selbst. Ihre Arbeiten entfalten eine poetische Struktur, die weniger Geschichten erzählt als Denkbewegungen sichtbar macht – und dabei stets die ideologischen Strukturen des Sehens selbst befragt. In dieser Verdichtung liegt auch die besondere Kraft der kurzen Form, die Mistry immer wieder als Raum für formale Freiheit und kritische Intervention nutzt.
Das FILMFEST DRESDEN präsentiert im Tribut neben Arbeiten, die bereits auf Festivals und im Ausstellungskontext gezeigt wurden, auch eine Weltpremiere. Einen tieferen Einblick in die Arbeiten von Jyoti Mistry gibt die Masterclass, die an das Tribut angebunden ist.
Sven Pötting
[tw: psychische Gewalt, körperliche Gewalt, Rassismus]
09:21:25
Jyoti Mistry
Südafrika, Österreich, 2011
10:21 Min, English OV
Im April 2002 startete der südafrikanische Unternehmer Mark Shuttleworth an Bord der russischen Mission Sojus TM-34 zu einer neuntägigen Reise ins Weltall. Er schildert seine Erfahrungen und wie er die Erde neu zu verstehen begann, indem er sich von ihr entfernte.
Cause of Death
Jyoti Mistry
Südafrika, Österreich, 2020
19:06 Min, English OV
Die Körper von Frauen sind stets in Gefahr. Ein Autopsiebericht beschreibt die physischen Auswirkungen auf den Körper, die zum Tod führen, verschweigt jedoch die strukturelle und wiederkehrende Gewalt gegen Frauen, die zu Femiziden führt. Anhand von Archivfilmmaterial, Animationen und Spoken-Word-Poesie wird strukturelle Gewalt gegen Frauen sichtbar gemacht. (Berlinale-Katalog)
When I Grow Up I Want to Be a Black Man
Jyoti Mistry
Südafrika, Österreich, 2017
19:43 Min, English OV
Ein Schwarzer Mann rennt über ein Feld. Ein Schwarzer Mann rennt am Strand entlang. Ein Schwarzer Mann rennt durch eine Stadt. Der Schwarze Mann rennt immer, er wird immer verfolgt, er rennt immer – um sein Leben zu retten, rennt ein Schwarzer Mann in Richtung Freiheit.
Loving in Between
Jyoti Mistry
Südafrika, Schweden, Österreich, 2023
18 Min, English OV
Zwischen Geburt und Tod liegt die Kraft, zu lieben und zu leben. Politische Regeln, religiöse Vorschriften, soziale Normen und kulturelle Tabus bestimmen, wen und wie wir lieben. Das Recht zu lieben wird durch unsere Lebensweise kontrolliert und reguliert. Inspiriert von einem Gedicht von Langston Hughes.
Nas águas (In Waters)
Jyoti Mistri
Brasilien, Südafrika, 2015
8:04 Min, English/Brazilian Portuguese OV, English ST
Weltpremiere
Aus der Perspektive eines Kindes erzählt, das den Zyklus der Opfergaben an Yemanjá beobachtet, verbindet dieses Werk die Geschichte Afrikas mit der Brasiliens durch das Ritual des Candomblé.