Ulrich Seidl - Werkschau
Sein österreichischer Landsmann Michael Haneke bringt auf den Punkt, was unbedingt auch auf Ulrich Seidl zutreffen sollte. „Kunst-Ghetto” nennt Haneke den abgesteckten Bereich, in dem seine Filme gesehen, goutiert und geliebt werden. Und ergänzt: „Tja, aber wie lautet die Alternative? Die Entscheidung zwischen Tiefgang und Breitgang kann einem keiner abnehmen. Natürlich könnte ich meine Themen populistischer gestalten. Damit würde ich allerdings das Anliegen der Sache verraten.“ Im Kino moralische Urteile über die Handlungen von Figuren, also Menschen zu fällen, war Ulrich Seidl stets zuwider. Denn bei uns allen, so Seidl, sei das „Scheitern an eigenen Ansprüchen, Erwartungen und Hoffnungen üblicher als das Einhalten, Einlösen und Erreichen derselbigen“. So wurde er in über 40 Jahren seines Schaffens zum Leinwand-Seismograph einer ungeschönten Realität. Immer wieder changierte Seidl, Jahrgang 1952, zwischen Dokumentarischem und Fiktion, arbeitete vor der Kamera konsequent mit Laien und professioneller Besetzung, wobei seine Themen ineinander greifen wie Zahnrädchen des Alltags. Er schaut mit aller ästhetischer Konsequenz und Präzision dorthin, wo sich andere nur noch abwenden können und reizt damit sein Publikum, diesem sehr physischen Ansatz im Genre zu folgen. Oder eben daran zu scheitern. Ein neuer Seidl gleicht einer neuen Zumutung. Seine radikalen Werke sehen sich nicht „weg“, sie greifen an. Wo sich Kafka im Gestühl eines Lichtspieltheaters noch emotio(ba-)nal berühren ließ („Im Kino gewesen. Geweint.“), darf das Urteil beim Betrachten von Seidl-Tableaus durchaus vehementer ausfallen: „Im Kino gewesen. Gewürgt.“Seidl ist nicht nur Drehbuchautor und Regisseur, auch als Produzent wurde er im europäischen Weltkino eine feste und gern angefragte Größe. LUZIFER, VENI VIDI VICI und DES TEUFELS BAD heißen neuere österreichische Filme, die durch ihn möglich wurden. Sie hatten – kein Wunder – ihre eigene Sprache. Zudem ist Ulrich Seidl treuer Teamplayer, arbeitet zum Teil seit Jahrzehnten mit den gleichen Menschen an seiner Seite, vornweg Autorin Veronika Franz sowie die beiden grandiosen Kameramänner Martin Gschlacht und Wolfgang Thaler.Die Ulrich-Seidl-Werkschau im Programmkino Ost zeigt seinen ersten Kinospielfilm HUNDSTAGE (2001) und den bislang letzten BÖSE SPIELE - RIMINI SPARTA (2023) sowie mit TIERISCHE LIEBE (1995) und IM KELLER (2014) zwei seiner aufwühlenden Doks. PARADIES LIEBE (2012) wird Teil III der Veranstaltungsreihe KINO KONTROVERS eröffnen und an diesem Abend kommt Ulrich Seidl persönlich ins „Ost“. Das herzliche Willkommen gilt einer echten Koryphäe der Filmkunst!Andreas Körner