Die progressiven Nostalgiker
Das patriarchale Frankreich der 1950er-Jahre ist für Michel (Didier Bourdon) und Hélène (Elsa Zylberstein) ein wunderbar geordnetes Universum. Er, ein Bankangestellter, ist der mittelmäßige, aber unangefochtene Ernährer. Sie, ausgestattet mit Dauerwelle und wachem Geist, verwaltet den Haushalt und die Kinder. Die Rollen sind definiert, das Idyll makellos. Bis ein Kurzschluss der neu angeschafften Waschmaschine das Paar geradewegs in die Gegenwart schießt. Michel und Hélène finden sich in einer ihnen chaotisch erscheinenden verkehrten Welt wieder. Die Frau erweist sich als anpassungsfähig, macht Karriere als Führungskraft und genießt die neu gewonnene Emanzipation. Der Mann, jetzt arbeitslos, ringt mit seinem Bedeutungsverlust: Er muss sich als Hausmann im Smart-Home abmühen. Als die gemeinsame Tochter heiraten will, wird Michel mit für ihn unerträglich scheinenden Fakten konfrontiert. Das Maß ist voll, es gilt die Flucht in die vermeintlich gute alte Zeit anzutreten. Doch wie programmiert man die smarte Waschmaschine auf 1950? Regisseurin und Drehbuchautorin Vinciane Millereau nutzt die typische Zeitreise-Prämisse, um die Gegenwart einer sarkastischen Revision zu unterziehen. Millereau, deren Komödie in Frankreich bereits zu den Top Ten des Kinojahres zählt, hat einen guten Riecher für alltägliche Absurditäten. Ihre hübsch zugespitzte Inszenierung teilt mit großem Vergnügen in alle Richtungen aus, nostalgische Verklärung wird ebenso auf die Schippe genommen wie naiver Fortschrittsglaube. Die Komödie lebt von der konventionellen, aber gekonnt erzählten Reibung zwischen dem patriarchalen Michel, der sich plötzlich mit weiblichem Empowerment auseinandersetzen muss und der frisch entfesselten Hélène. Didier Bourdon zeigt sich als Situationskomiker, den die Navigationsschwierigkeiten in der neuen Welt zwar fertig machen, aber kaum demütiger werden lassen. Elsa Zylberstein bietet ihm als Hélène mit sprühender Energie und freudiger Entdeckerlust Paroli. Mit der knallig bebilderten Kollision zweier Epochen gelingt es Vinciane Millereau, die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten 70 Jahre humorvoll zu beleuchten.
Grit Dora
Buch: Julien Lambroschini, Vinciane Millereau
Regie: Vinciane Millereau
Darsteller: Elsa Zylberstein, Didier Bourdon, Mathilde Le Borgne, Maxim Foster, Romain Cottard, Barbara Chanut, Céline Fuhrer, François Perache, Esteban Delsaut
Kamera: Philippe Guilbert
Musik: Romain Trouillet
Produktion: Cloé Garbay, Laurent Jacobs, Olivier Kahn, Yorick Kalbache, Bastien Sirodot
Bundesstart: 22.01.2026
Start in Dresden: 22.01.2026