29. Januar 2018

Die Wunden einer ganzen Gesellschaft

Mit insgesamt sechs Golden Globe-Nominierungen und sieben Oscar-Nominierungen geht der Film als einer der Favoriten ins anstehende Oscar-Rennen. Ist das verdient?
Die Wunden einer ganzen Gesellschaft

An einer Landstraße, die zu dem kleinen Ort Ebbing im US-Bundesstaat Missouri führt, entdeckt der Hilfssheriff Jason Dixon (Sam Rockwell) eines Abends drei Werbetafeln mit knallig roter Beschriftung. Sie beschuldigen den Polizeichef (Woody Harrelson) der Untätigkeit bei der Aufklärung eines abscheulichen Verbrechens an einer jungen Frau, die vor Monaten vergewaltigt, ermordet und verbrannt wurde. Verantwortlich für diese öffentliche Anklage ist die Mutter des Opfers, Mildred Hayes (Frances McDormand). Dass diese Aktion von ihren Mitmenschen nicht gern gesehen wird, bekommt sie schnell zu spüren: Sie erhält eindeutige Drohungen, Besuch vom Pfarrer des Städtchens und ihr Zahnarzt greift unerwartet zum Bohrer. Doch weder das gute Zureden des Sheriffs, noch die Schikanen, denen sie und ihr Sohn in der Schule fortan ausgesetzt sind, können Mildred besänftigen. Denn die taffe Frau weiß sich zu wehren und ist wahrlich kein Tag am Strand. So beginnt ein erbitterter Kleinkrieg, der bald etliche Kollateralschäden fordert.

Der britische Regisseur und Autor Martin McDonagh, nicht zu verwechseln mit seinem Bruder John Michael McDonagh (»The Guard«, »Am Sonntag bist du tot«), hat bereits mit seinem hochgelobten Debüt »Brügge sehen... und sterben?« gezeigt, dass uns die gewagte Kombination aus Drama, Thriller und Komödie in den richtigen Händen einen sehr guten Film bescheren kann. Für sein drittes Werk bat er nun einen Großteil seiner Besetzung aus »7 Psychos« noch einmal vor die Kamera und holt zu einem cineastischen Rundumschlag aus. Mit bemerkenswerter Finesse gelingt es ihm, nicht nur vom tragischen Schicksal einer verzweifelten Mutter zu erzählen, sondern nach und nach die Wunden einer ganzen Stadt und somit einer ganzen Gesellschaft offen zu legen, in der es jedoch weder eindeutig gute noch eindeutig böse Figuren gibt. Der gerade gewonnene Golden Globe fürs Drehbuch ist somit mehr als verdient.

Mit insgesamt sechs Globe-Nominierungen (und vier Auszeichnungen) geht »Three Billboards Outside Ebbing, Missouri« als einer der Favoriten ins anstehende OSCAR-Rennen. McDonagh, der bereits 2006 einen der Goldjungen für seinen Kurzfilm »Six Shooter« erhielt, ließ sich für sein sehenswertes Meisterstück übrigens von »Wenn die Gondeln Trauer tragen«“ (1973, Regie: Nicolas Roeg) inspirieren und garnierte seinen Film mit etlichen Anspielungen auf den Klassiker. So spielt nicht nur die Farbe Rot eine wichtige Rolle, sondern auch dessen Soundtrack ist kurz zu hören. Zudem setzt der Tod eines Kindes die Handlung in Gang und Dixons Mutter schaut im Fernsehen einen Streifen „mit Donald Sutherland und seinem toten Mädchen“.

Vielleicht haben sich McDonagh – und insbesondere der deutsche Verleih – auch als Verbeugung vor jenem Film deshalb dafür entschieden, den unbequemen, langen Titel nicht zu ändern. Davon bitte nicht abschrecken lassen, denn das hier ist wirklich großes, Diskussionen anregendes und schlicht großartig gespieltes Kino.

Csaba

http://www.fox.de/three-billboards-outside-ebbing-...