29. Juni 2017

Brav und vorhersehbar auserzählt?

Pro & Contra – »In Zeiten des abnehmenden Lichts«
Brav und vorhersehbar auserzählt?

Pro

Der knochentrockene Stalinist Wilhelm Powileit (Bruno Ganz) erwartet mit seiner Frau Charlotte die Gäste zu seinem 90. Geburtstag – Familie, Funktionäre und Nachbarn. Der Besuchsreigen der Parteikader, des Pionierchores, der Nachbarn, Freunde und Familie erstreckt sich über den ganzen Tag. Kurt empfängt im dunklen Salon der heruntergerockten Bonzenvilla, die er als heimkehrender Emigrant vom Staat erhalten hat. Die Möbel stammen noch von den Nazis. Mit Genuss schlägt er Nägel in den guten Familientisch, ein weiterer überflüssiger Affront seiner Frau gegenüber, die nie verwunden hat, dass sie für diesen charismatischen Proleten eine bürgerliche Beziehung aufgegeben und ihre Kinder aus erster Ehe nach Sibirien geschickt hat – nur ein Sohn ist lebend zurückgekehrt. Dieser Kurt ist trotz seiner Lagerjahre und aller Zweifel am System ein überzeugter Anhänger des Sozialismus, hat aber dennoch Verständnis für seinen Sohn Sascha, der in diesem wichtigen Familienmoment im Jahr 1989 in den Westen abhaut. Der Film zeigt Kurt als vielschichtigste Figur, überzeugend gespielt von Sylvester Groth. Während sich alle anderen in der Familienkonstellation eingerichtet haben, im Gehen oder Bleiben, ist er noch wirklich auf der Suche, bleibt verletzlich und angreifbar. 


Seine Mutter Charlotte (Hildegard Schmahl) hält die Mordlust nur knapp unterm Lid verborgen – zu viel hat ihr der Jubilar in den gemeinsamen Ehejahren zugemutet. Ihr Mütchen kühlt sie auf diskrete Weise an der Hausangestellten (Gabriele Maria Schmeide). Hildegard Schmahls Charlotte ist eine Lichtgestalt in blendend weißem Kostüm. Ihre Eleganz steht in aufregendem Kontrast zu den dunklen Räumen und unterstreicht ihre mühsam kaschierte Aggressivität. Schwiegertochter Irina (Evgenia Dodina) hingegen kommt sturzbetrunken und herausfordernd gekleidet zu spät zur Party. Sie hat den Verlust ihrer Ideale nie verkraftet, den schleichenden Verfall der Familie, das Fremdgehen ihres Mannes. Eine Alkoholikerin, für die der Weggang des Sohnes in der endgültigen Selbstzerstörung mündet. Die Situation spitzt sich zu, das Büffett bricht zusammen (Zeichen für den kurz bevorstehenden Bankrott des Systems) und Kurt ist gezwungen, die Wahrheit bekannt zu geben – Sascha ist im Westen. 


Die Ratlosigkeit ist total. Es fällt den Figuren sichtlich schwer, die dumpfe Hülle der alten Villa zu verlassen. Wer hätte gedacht, dass die Konterrevolution aus Moskau kommt, sagt noch einer der Funktionäre. 


Wenn einer Eugen Ruges mehrfach preisgekrönten, sich über einen Zeitraum von vielen Jahrzehnten erstreckenden Familienroman auf einen einzigen Tag eindampfen konnte, dann Wolfgang Kohlhaase, der große ost- und gesamtdeutsche Drehbuchautor. Kunstvoll und lapidar rafft er die vielschichtigen Beziehungen zwischen den Figuren, deren tektonische Verschiebungen während sehr bewegter Zeiten, wie in den Zeiten der Stagnation, die zunehmende Brüchigkeit der Verhältnisse und die unfassbare Fassadenhaftigkeit der letzten DDR-Monate in 24 Stunden zusammen.


Regisseur Matti Geschonnek zeichnet mit kleinen, meist unaufdringlichen Details den Verlust von Heimat und Zugehörigkeitsgefühl nach, das Bröckeln der Verhältnisse kurz vor dem endgültigen Verlust der Utopie. 


»In Zeiten des abnehmenden Lichts« ist ein Ensemblefilm, der durchweg auf die Präsenz der erstklassigen Schauspieler setzt und darin etwas übertreibt. Warum Angela Winkler als Tante auftaucht, bleibt weitgehend unklar – sie hat nichts zu erzählen und scheint nur anwesend, um die Stardichte deutscher Schauspieler zu vergrößern. Schade, dass auch Geschonnek auf grässlich anekdotischen DDR-Witzfiguren herumreitet – auch er zeigt Abschnittsbevollmächtigte und diverse Funktionäre als Trottel des Systems. Es tut einem weh zu sehen, wie eindimensional Thorsten Merten im Korsett des Parteikaders stecken bleibt. Vordergründige Schenkelklopferei hat der Film nicht nötig. 


Letztlich ist »In Zeiten des abnehmenden Lichts« nicht groß und bildgewaltig genug fürs Kino und etwas brav und vorhersehbar auserzählt. Einfach ein sehr guter Fernsehfilm, mit durchaus nachhaltiger Wirkung. 


Grit Dora


 


Contra


Matti Geschonneck verfilmt den stark autobiografisch gefärbten Roman von Eugen Ruge mit einem wunderbaren Ensemble. Wolfgang Kohlhaase komprimiert das sehr umfangreiche Personen- und Handlungsgerüst des Romanes für einen 100-minütigen Film. Was kann da schon schiefgehen? Leider doch einiges. 


Kohlhaase reduziert die Vorlage auf die stringente Geschichte eines Geburtstages, eingebettet in die Eröffnung mit wunderschönen Bildern irgendwo in der russischen Provinz und eine abschließende Beerdigung im Winter. Dazwischen passiert zwar vieles, mäandert der Film jedoch zwischen Groteske und Drama, findet aber letztlich nicht seine Spur. Auch gelingt es Geschonneck leider nur drei Figuren zu Leben zu erwecken. Entstanden ist ein durchaus fein komponiertes kleines Filmjuwel, mit Liebe gemacht und an den großen historischen Themen orientiert. Aber vieles bleibt im Ungefähren und seltsam leblos.


Sylvester Groth spielt überragend einen zerrissenen Kurt, den Sohn des Altstalinisten. Dem kann Bruno Ganz zwar einige kecke Seiten aber sonst nicht viel mehr abgewinnen. Wilhelm Powileit bleibt eine farblose Figur zwischen gepflegtem Proletkult und Altersstarrsinn. An der Seite von Kurt spielt Evgenia Dodina, eine israelische Schauspielerin, in der Sowjetunion geboren, seine Ehefrau. Die Oma und Schwiegermutter, hochachtungsvoll vom Kurt Irina Ewgenina genannt, gespielt von der ukrainischen Schauspielerin Nina Antonowa (geboren 1935!), ist eine einfache Frau vom Dorf, durch die sowjetischen Grauen von Entkulakisierung und Lager gegangen. Ihre Tochter führt zwar ein für sowjetische Verhältnisse angenehmes aber zutiefst unglückliches Leben im Westen. Beide leben fern der Heimat, mit wenig Verständnis für die politischen Dinge im geteilten Deutschland. 


Ein kleiner, stimmiger Crashkurs in den schwierigen, von so viel Barbarei durchtränkten deutsch-russischen Beziehungen und dem Grauen des sowjetischem Lagersozialismus im 20. Jahrhundert. Immerhin aber war es die DDR, die kurze Zeit nach dem Krieg die Beziehungen zwischen beiden Nationen, natürlich auch gezwungen wieder aufnahm. 


Die schönste Szene im Film - als bei der Geburtstagsrunde nach der Offenbarung der Flucht des Enkels alle in das Lied der Oma von der Großmutter und dem Esel mit "Wodka, Wodka" einstimmen, die Oma aber singt "So ist es (nun mal)". Genau das ist das Problem. Das Lied und der Film geben etwas vor zu sein, was der Film nicht hält. Das Lied dagegen schon, denn der Esel verschwindet und die Oma ist traurig.


Was will uns der Film nun eigentlich sagen? Ein Geburtstag und parteikonformes Jubiläumsspektakel als Parabel über die DDR. Dazu bleibt es zu belanglos und unkonkret. Letztlich dürfen zwei russische Frauen dem Drama die fehlende Tiefe verleihen. Die Diskrepanz zwischen persönlichen Vorstellungen und Erleben und dem frustrierenden Realität fernab der Heimat lässt Menschen zerbrechen und erzeugt Tragik. Die Probleme der anderen sind unscharf, kreisen um eine ominöse Lage und das Einkratzen beim Altstalinisten. 


Alle weiteren Protagonisten ähneln eher Abziehbildern, denn realen Menschen. Das Panoptikum weitet sich jedoch nicht zur Groteske oder Komödie sonder plätschert recht gemütlich auf den Höhepunkt hin. Der da wäre - ein zusammenbrechender Tisch. Ätsch so einfach ist das. Ist zwar ein Nazitisch, vom Kommunisten genagelt, zerbricht aber unter der Last von was eigentlich? Die DaDaEr als falsch montiertes Gerät, von einem kleinen Jungen zum Einsturz gebracht. Dazu böse dreinblickend Stasiknülsche, verschwörerisch raunende, versoffenen Bauern, Kinder des Establishments, die in den Westen abhauen und doofe ABV-ler. Etwas dünne das ganze. 


Kurz noch zur Ausstattung. Die ist korrekt und inszenierte eine kleinbürgerliche Idylle, fährt auch ganz tapfer vom S100 über Zastava bis zum Wolga das Straßenbild der DDR auf, verharrte aber insgesamt zu sehr auf TV-Niveau. Ein direkter Vergleich mit der ZDF Serie "Der gleiche Himmel", für die auch Bernd Lepel für das Produktionsdesign verantwortlich zeichnete, die übrigens opulenter und reichlicher ausfiel, zeigt das wahre Dilemma des Film. Gab das ZDF als Ko-Produzent zu viel vor, haben TV und Quote zu starken Zugriff auf eine Kinoproduktion? Vielleicht darf der Zuschauer auch nicht zu sehr gefordert werden. Könnte eine Ursache sein.


Mersaw

http://www.x-verleih.de/filme/in-zeiten-des-abnehm...