Carlos - Der Schakal

Drama, Frankreich/Deutschland 2010, 187 min

Da sitzen Cannes-Filmfestival-Gänger 2010 fast sechs Stunden im Kino, um sich einen Fernsehfilm reinzuziehen. Und warum? Weil er von einer der schillerndsten Terroristen-Figuren des vergangenen Jahrhunderts handelt: „Carlos der Schakal“, mit bürgerlichem Namen Ilich Ramírez Sánchez. Wobei das Ilich ganz unbürgerlich vom guten alten Lenin stammt, denn nicht umsonst hat der meist gesuchte Terrorist neben Osama bin Laden in der Sowjetunion studiert. Danach marschierte der in Venezuela geborene Revolutionär direkt nach Beirut in die Arme der Volksfront zur Befreiung Palästinas. Viele Jahre glaubte man in Europa, Carlos und dessen illustre Anschlagsserie seien nur ein frei erfundenes Phantom, ein politisches Druckmittel oder gar nur eine Art Auflagenhype der Zeitungsindustrie. Während er munter durch aller Herren Länder sprengte, mordete oder nach Belieben Geiseln nahm, existierte nur ein einziges, vages Foto. Doch spätestens seit seinem Wien-Coup 1975, als er mit sechs anderen Terroristen über sechzig Geiseln aus dem OPEC-Hauptquartier entführte, realisierte die Welt, dass es sich bei dem Schakal um einen äußerst gefährlichen und effektiven Verbrecher handelt. Seine Kontakte wiesen in alle Richtungen und zu den verschiedensten Geheimdiensten, darunter auch Securitate, Stasi oder KGB. Sie hofierten Carlos, der während der Zeit des Kalten Krieges universell einsetzbar war. Mit sehr einfachen, aber wirkungsvollen Mitteln erzählt der französische Regisseur Olivier Assayas sein Epos vom Berufsrevolutionär, der hier durchaus als fanatischer Weltverbesserer, gutverdienender Jungunternehmer, beneidenswerte Popikone und nicht zuletzt als skrupelloser Mörder und Verbrecher gesehen werden muss. Eine explosive Mischung. Keine Minute wirkt in der originalen, fünfeinhalbstündigen Fassung überflüssig, und besonders sehenswert sind die durchweg hervorragenden Darsteller, darunter auch einige Deutsche. Wer eher den Expresskurs Terrorismus light bevorzugt, es gibt diesen Film auch als einen Dreistunden-Cut.