35 Rum

Drama, Frankreich/Deutschland/Belgien 2008, 90 min

Alltag oder das, was man richtiges Leben nennt, taugt durchaus für einen Spielfilm. Weil der Wert einer guten Geschichte nicht an der Lautstärke abgefeuerter Waffen gemessen wird, nicht an der Auswahl exotischer Schauplätze oder gar der Menge getragener Kleider.
Dann schon eher an der Anzahl geleerter Gläser. Fünfunddreißig Glas Rum versagen sich Eisenbahner Lionel und sein bester Freund und nunmehr ehemaliger Arbeitskollege René, bei dessen Pensionierungsfeier. Anständig betrunken sind sie aber allemal. Und bei beiden schwingt etwas Wehmut mit. Denn nur unwillig geht der Eine in den Ruhestand und mit unklaren Vorahnungen malt ihn sich der Andere selbst aus. Doch bis dahin bleibt noch Zeit für Lionel. Genug Zeit, in der er die Topografie seines Alltags noch ein wenig verändern möchte. Mit Nachdruck und leisem Charme versucht er seiner attraktiven Tochter Joséphine den Mutterinstinkt auszureden. Zumindest was ihn betrifft. Die beiden wohnen zusammen unter einem Dach. Sie aus Furcht vor einer Welt ohne ihren geliebten Vater und er im Bangen um die Zukunft seiner einzigen Tochter. Man wird das Gefühl nicht los, da klammern sich zwei fest Entschlossene solang aneinander, wie es der jeweils Andere noch zulässt. Aber Joséphine muss endlich unter die Haube. Ein Ort, den der 50jährige Lionel tunlichst meidet. Nur unter Protest ergibt er sich den gelegentlichen Nachstellungen seiner Nachbarin Gabrielle und begleitet sie und seine Tochter bei der unglücklichen Imitation von einem Familienausflug. Auch Noé, der schmucke Fast-Ex-Freund von Joséphine fühlt sich, als sitze er auf keinem der Stühle wirklich, welche Lionel ihm einerseits zuschieben möchte und Joséphine ihm andererseits für immer zu entziehen droht. Damit das Leben aller Beteiligten ins rechte Gleis kommt, scheint es, müsste mal irgendjemand die Notbremse ziehen. Die routinierte Filmemacherin Claire Denis (»Nenette & Boni«), die ihr Handwerk einst bei Wim Wenders und Jim Jarmusch erlernte, umarmt erneut liebevoll und nachdrücklich das Leben der einfachen Leute. Ihre Kamerafrau Agnès Godard und die Soundtracktüftler der Tindersticks stehen milde lächelnd hinter ihr. Darauf zwei Flaschen Rum! Santé!