Das Wunder von Bern

Drama, Deutschland 2003, 117 min

Also mein liebstes Fußballspiel ist natürlich das 1:0 der DDR gegen die BRD bei der WM 74 im Hamburger Volksparkstadion. Und angesichts des sich immer mehr zur monitären Medienschlacht entwickelnden Themas Fußball, verbunden mit nicht mehr beherrschbarer Gewalt, stand ich dem Film seit seiner Ankündigung eher skeptisch gegenüber. Noch dazu, weil ich die im Falle des Erfolgs immer wieder einsetzende trunkene Deutschland-Deutschland-über-alles-Mentalität zutiefst verabscheue.
Alle Skepsis ist unangebracht. Sönke Wortmann hat keinen Fußballfilm gedreht. Er erzählt die Geschichte einer Familie, die im Jahre 1954 vor einer Zerreißprobe steht. Nach mehr als elf Jahren Gefangenschaft kehrt Richard Lubanski (Peter Lohmayer) in die Heimat zurück.
Doch es ist nicht leicht, wieder eine wirkliche Familie zu werden. Zu viele Jahre sind ins Land gegangen. Seine Frau hat eine neue Existenz aufgebaut und die drei Kinder über schwere Zeiten gebracht. Sie hat Kraft und Selbstbewußtsein an den Tag gelegt und deshalb muss er begreifen, das er nicht mehr als der alleinig bestimmende Ernährer auftreten kann. Seine beiden großen Kinder sind fast erwachsen und nicht mehr bereit, einzig seinem Willen zu folgen. Und seinen jüngsten Sohn Matthias (Louis Klamroth, auch in Wirklichkeit Lohmeyers Sohn) kennt er noch nicht einmal, denn der ist erst 11 Jahre alt. Über diesen entwickelt sich dann die Beziehung zum Fußball, denn er ist Kofferträger von Helmut Rahn und muss als siegbringendes Maskottchen unbedingt beim Endspiel dabei sein, ein Traum, für den Vater Lubanski anfangs kein Verständnis aufbringt. Sönke Wortmann erzählt seine Geschichte mit einer emotionalen Kraft, die einem nicht nur einmal die Tränen in die Augen treibt und ich kann nur alle KinogängerInnen, die sonst nicht an Fußball interessiert sind raten, sich diesen Film dennoch anzuschauen. Ihr verpaßt sonst was. Ich habe das an meiner Frau getestet. Die hat keine Ahnung von Fußball und ist auch heute noch nicht bereit, diesem Spiel, bei dem 24 Männer einem Ball hinterherlaufen (oder waren es nur 22) irgendwelche Aufmerksamkeit zu schenken. Doch das »Wunder von Bern« hat auch sie begeistert.
Nur eine einzige kurze Szene ist völlig daneben. Lubanskis ältester Sohn, kommunistisch angehaucht, weicht den Konflikten mit seinem Vater aus und geht in die DDR. Etwa eine Woche nach seiner Ausreise in den Osten verfolgt er gemeinsam mit mehreren anderen Funktionären im FDJ-Hemd das Endspiel. Ein Klischee, das an Dämlichkeit kaum zu überbieten ist. Um zu zeigen, das dieses Spiel auch im Osten mit Begeisterung verfolgt wurde, hätte sich Wortmann wahrlich etwas anderes einfallen lassen können. Aber die Sequenz dauert nur ein bis zwei Sekunden, wir werden sie aushalten. Die Wessis werden wohl nie so richtig begreifen, wie es in der DDR getickt hat, und deshalb ist es eben ganz schön, das wir einst 1:0 gewonnen haben. Frank Apel